Abschiedsbrief wegen Auswanderung
Manchmal erreichen uns Texte, die nicht einfach eine Meinung darstellen, sondern ein Gefühl, das viele tragen, oft still. Der folgende Beitrag wurde uns von Jean-Pierre Schupp zugesandt. Ein persönlicher Abschiedsbrief eines Mannes, der nach Jahrzehnten in der Schweiz den Entschluss gefasst hat, auszuwandern.
Seine Worte sind kein politisches Manifest, sondern ein Erfahrungsbericht. Ein Blick aus der Perspektive eines Bürgers, der sein Leben lang geleistet hat und sich heute nicht mehr gehört fühlt. Der Text berührt einen Punkt, der aktuell viele Menschen bewegt. Wir veröffentlichen ihn als Stimmungsbild.
Warum ich die Schweiz verlasse
Ich schreibe diese Zeilen nicht aus einer Laune heraus, nicht aus Abenteuerlust und auch nicht, weil ich meine Heimat nicht lieben würde. Im Gegenteil: Gerade weil ich die Schweiz viele Jahrzehnte lang ernst genommen habe, weil ich gearbeitet, meinen Beitrag (u.a. Steuern aller Art) geleistet und an Fairness, Recht und Verantwortung geglaubt habe, fällt mir dieser Schritt so schwer.
Doch irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich eingestehen muss: Es reicht.
Ich gehöre zu jenen Menschen, die ihr Leben lang ihre Pflichten erfüllt haben. Ich habe gearbeitet, eingezahlt, mitgetragen, vertraut. Wie so viele andere auch glaubte ich, dass zwischen Bürger und Staat ein stiller Vertrag besteht: Wer seinen Beitrag leistet, darf im Alter zumindest Respekt, Sicherheit und eine gewisse Gerechtigkeit erwarten.
Heute weiss ich: Dieser Glaube war naiv.
Immer öfter habe ich den Eindruck, dass in Bundesbern nicht mehr für das Volk entschieden wird, sondern gegen das Volk. Ob es um die Folgen internationaler Verträge, die Diskussion um eine Schweiz mit bald 10 Millionen Einwohnern oder um die stetige finanzielle Belastung der Bevölkerung geht: am Ende soll immer der einfache Bürger bezahlen. Immer dieselben. Immer die, die ohnehin schon tragen.
Besonders unerträglich ist für mich die Entwicklung im Gesundheitswesen. Wieder einmal wird nicht bei den Profiteuren, Fehlanreizen oder den aufgeblähten Strukturen angesetzt, sondern beim Volk. Wenn die Franchise von 300 auf 400 Franken erhöht wird, dann wird das als Sachzwang verkauft. In Wahrheit ist es für viele schlicht eine weitere Belastung in einem System, das längst zu teuer, zu undurchsichtig und zu wenig bürgernah geworden ist. Die Menschen fühlen sich nicht ernst genommen, sondern verwaltet, beruhigt und am Ende zur Kasse gebeten.
Was mich aber am tiefsten erschüttert, ist meine persönliche Erfahrung mit der AHV.
Meine Frau und ich haben während Jahrzehnten in dieses System einbezahlt. Pünktlich, zuverlässig, ohne Ausreden. Hätte man selbst einmal zu spät bezahlt oder eine Pflicht vernachlässigt, wären Mahnungen und Konsequenzen rasch gefolgt. Doch wenn Bürger jahrzehntelang einzahlen und dann im entscheidenden Moment erfahren, wie hart und unerbittlich unfair das System tatsächlich rechnet, bleibt vor allem eines zurück: Enttäuschung.
Meine Frau erhielt nach ihrem 64. Geburtstag gerade einmal zwei Monate AHV. Ihre und meine Rente waren zusammengerechnet, aber nur 150 Prozent statt 200 Prozent. Schon das empfinde ich als fragwürdig. Noch schmerzhafter ist jedoch etwas anderes: Dass meine Frau ihr Leben lang einbezahlt hat, nach ihrem Tod nicht einfach ihre Rente als Ausdruck von Sicherheit für den hinterbliebenen Ehepartner ist. Der Staat behält einfach ihre Rente ein und versteckt diese absolute Ungerechtigkeit hinter Gesetzen. ES IST HALT SO!
Für mich als Witwer bedeutet das konkret:
Trotz lebenslanger Einzahlung bleibt nicht das zurück, was man in einem gerechten System erwarten würde. Mit 150 Prozent hätte ich in der Schweiz vielleicht knapp überleben können – mit meiner AHV allein ist es mir und Zehntausenden von Rentnern nicht möglich.
Und genau das ist der Kern meiner Entscheidung: Ich wandere nicht aus, weil ich mich vor Verantwortung drücken will. Ich wandere aus, weil ich mich vor einem Staat schützen muss, der von seinen Bürgern immer mehr fordert, aber immer weniger zurückgibt. Weil ich nicht den Rest meines Lebens in einem Land verbringen will, in dem ich mich von Politik, Behörden und Systemen nicht mehr vertreten, sondern ausgenutzt fühle.
Viele Schweizerinnen und Schweizer, die auswandern, werden vorschnell beurteilt. Man sagt, sie würden ihr Land im Stich lassen. Ich sehe das anders. Viele gehen nicht aus Bequemlichkeit. Sie gehen, weil sie keinen anderen Weg mehr sehen. Weil sie rechnen können. Weil sie sehen, dass Würde, Lebensqualität und finanzielle Luft anderswo eher möglich sind als in einem Land, das nach aussen Wohlstand zeigt, aber nach innen für immer mehr Menschen kaum noch tragbar ist.
Es ist bitter, das über die eigene Heimat sagen zu müssen.
Doch Loyalität darf nicht bedeuten, schweigend alles hinzunehmen. Wer sein Land liebt, darf auch seine Missstände benennen.
Ich gehe deshalb nicht im Hass. Ich gehe in tiefer Enttäuschung. Und mit der traurigen Erkenntnis, dass ein Staat, der seine anständigen Bürger bis ins Alter melkt, ihnen dann aber weder echte Sicherheit noch Gerechtigkeit bietet, das Vertrauen verspielt hat, auf dem alles beruhen sollte.
Mein Abschied ist kein Verrat an der Schweiz. Er ist das Resultat davon, dass sich die Schweiz von Menschen wie mir verabschiedet hat.
PS: persönlicher Nachtrag
Zusätzlich belastet mich das Risiko, dass wesentliche schweizerische Vermögenswerte und Sicherheiten aus meiner Sicht zu stark vom Ausland abhängig sind – sei es bei den Schweizer Gold-Reserven in den USA oder bei der Verwaltung von AHV-Vermögen durch ein grosses US-Finanzinstitut.
Für mich ist dieses Risiko zu gross geworden. Ich habe das Vertrauen verloren, dass die AHV in einigen Jahren noch mit derselben Sicherheit ausbezahlt wird. Ich bin nicht bereit, die Folgen politischer Abhängigkeiten, Fehlentscheide und einer zunehmend kurzsichtigen Politik weiter mitzutragen.
Darum ziehe ich für mich die Konsequenz: Ich werde in Thailand versuchen, als Selbstversorger unabhängiger zu leben und mir dort eine neue Heimat aufzubauen.
Ich tue es auch in der Hoffnung, für meine erwachsenen Kinder, meine Enkelkinder und gute Freunde einen Ort aufzubauen, der ihnen eines Tages Sicherheit, Halt und Zukunft bieten kann, falls sich Europa weiter politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich in eine falsche Richtung entwickelt.
Ich tue das nicht nur für mich, sondern für die Menschen, die mir am Herzen liegen.
Jean-Pierre L. Schupp
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