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Das chinesische Sozialkreditsystem: Made in Wall Street?

23.Juni. 2026

Das chinesische Sozialkreditsystem:

Made in Wall Street?

Warum die Spur nicht nur nach Peking führt, sondern auch nach New York, London und Zürich

Am 23. Juni 2026 beginnt in der chinesischen Hafenstadt Dalian erneut das sogenannte «Sommer-Davos» des World Economic Forum. Mehr als 1’700 Wirtschaftsführer, Politiker, Investoren, Wissenschaftler und Technologiekonzerne treffen sich dort, um über die Zukunft der Weltwirtschaft, künstliche Intelligenz, Energieversorgung, globale Lieferketten und neue Wachstumsmodelle zu diskutieren. China ist seit Jahren Gastgeber dieser Veranstaltung.

Das wirkt auf den ersten Blick etwas seltsam. Seit Jahren erklären uns Politiker, Experten und die grossen Medienhäuser, China sei die grösste strategische Herausforderung des Westens. Die Volksrepublik wird als technologischer Rivale, wirtschaftlicher Gegner und zunehmend auch als politische Bedrohung präsentiert. Besonders beliebt ist dabei das Bild des allgegenwärtigen chinesischen Überwachungsstaates, dessen angebliches Sozialkreditsystem längst zu einer modernen Gruselgeschichte geworden ist. Wer sich nicht anpasst, verliert Punkte. Wer nicht spurt, wird bestraft. Wer vom vorgegebenen Weg abweicht, verschwindet aus dem digitalen Leben.

So lautet zumindest die Geschichte, die uns seit Jahren erzählt wird.

Gleichzeitig treffen sich dieselben globalen Wirtschafts- und Finanzeliten Jahr für Jahr in China, um über die Zukunft der Welt zu diskutieren. Die Wirklichkeit scheint also etwas komplizierter zu sein als die üblichen Schwarz-Weiss-Bilder.

An diesem Punkt kommt eine jüngste Recherche der kanadischen Autorin Cynthia Chung ins Spiel. Ihre Analyse beginnt nicht in Peking. Sie beginnt auch nicht bei der Kommunistischen Partei Chinas. Sie beginnt in London, New York, San Francisco und bei einigen der mächtigsten Finanzhäuser der westlichen Welt. Wer Chungs Recherche folgt, landet erstaunlich schnell bei Goldman Sachs, SoftBank, BlackRock, Vanguard, den Wallenbergs, der Credit Suisse und der UBS. Das angeblich chinesische Sozialkreditsystem erscheint plötzlich in einem völlig anderen Licht.

Die Geschichte, die jeder zu kennen glaubt

Wenn westliche Medien über das chinesische Sozialkreditsystem berichten, entsteht meist der Eindruck, als habe sich eine Gruppe kommunistischer Funktionäre irgendwann zusammengesetzt und beschlossen, sämtliche Bürger digital zu überwachen und nach ihrem Wohlverhalten zu bewerten. Die Geschichte ist einfach, eingängig und politisch nützlich. Sie liefert einen klaren Bösewicht und einen klaren Gegensatz zum angeblich freien Westen.

Das Problem dieser Erzählung besteht allerdings darin, dass die Wirklichkeit deutlich weniger ordentlich sortiert ist.

Chung verweist auf einen Umstand, der in den meisten Berichten über das Sozialkreditsystem kaum vorkommt. Bereits Jahre bevor westliche Journalisten über chinesische Sozialkredite schrieben, experimentierten Unternehmen in Grossbritannien und den Vereinigten Staaten mit digitalen Bewertungssystemen, algorithmischen Risikomodellen und automatisierten Bonitätsprofilen. Namen wie Zopa, Prosper und LendingClub mögen heute nur noch Spezialisten etwas sagen. Für Chung bilden sie jedoch die eigentliche Vorgeschichte.

Diese Unternehmen entwickelten Systeme, bei denen Menschen anhand grosser Datenmengen bewertet wurden. Algorithmen analysierten Kreditwürdigkeit, Konsumverhalten, Zahlungsdisziplin und Risikoprofile. Das Resultat entschied darüber, wer günstige Kredite erhielt, wer höhere Zinsen bezahlen musste und wer vom Zugang zu Finanzdienstleistungen ausgeschlossen wurde.

Der Mensch wurde zum Datensatz. Sein Wert wurde berechnet. Seine Chancen wurden algorithmisch bewertet. Je besser das Profil, desto grösser die Vorteile. Je schlechter die Bewertung, desto teurer oder schwieriger wurde der Zugang zum Finanzsystem.

Diese Grundidee wirkt auf uns doch irgendwie vertraut.

Die Blaupause kam nicht aus Peking

Noch interessanter wird Chungs Analyse dort, wo sie die Verbindung zur Finanzkrise von 2008 herstellt. Die grossen Peer-to-Peer-Kreditplattformen präsentierten sich als demokratische Alternative zum traditionellen Bankensystem. In der Praxis entstand jedoch ein System, das immer grössere Risiken anhäufte, während die Verantwortlichkeiten zunehmend verschwammen. Kredite wurden vergeben, weitergereicht, gebündelt und neu verpackt. Gewinne wurden privatisiert. Verluste landeten am Ende bei anderen.

Wer sich an die Diskussionen über Subprime-Hypotheken erinnert, erkennt zahlreiche Parallelen.

Als ähnliche Modelle ab 2007 nach China gelangten, explodierte der Markt förmlich. Zwischen 2013 und 2018 entstanden Tausende von Peer-to-Peer-Plattformen. Milliardenbeträge wurden investiert. Hunderttausende Anleger verloren ihr Geld. Die Plattform eZuBao entwickelte sich zum grössten Betrugsskandal der chinesischen Finanzgeschichte. Fast eine Million Anleger wurde geschädigt. Der Gründer landete schliesslich lebenslang im Gefängnis.

An dieser Stelle beginnt Chungs Kernthese. China habe dieses System nicht erfunden. China sei vielmehr selbst zum Versuchsfeld eines Finanzmodells geworden, das zuvor in Grossbritannien und den USA entwickelt worden sei. Während westliche Medien später über die Gefahren chinesischer Kontrollsysteme berichteten, hätten sie die eigenen Vorläufer weitgehend ausgeblendet.

Alibaba war nie nur eine chinesische Geschichte

Besonders spannend wird die Recherche beim Blick auf Alibaba. Für viele Menschen ist Alibaba bis heute das Paradebeispiel eines chinesischen Technologieunternehmens. Die Erfolgsgeschichte scheint bekannt. Jack Ma gründet ein Unternehmen in seiner Wohnung in Hangzhou und baut daraus einen globalen Konzern auf.

Die Realität sieht deutlich internationaler aus.

Nur wenige Monate nach der Gründung erhielt Alibaba Investitionen von Goldman Sachs, SoftBank und Investor AB. Hinter Investor AB steht die schwedische Wallenberg-Familie, deren Einfluss auf die europäische Finanz- und Industriewelt seit Generationen enorm ist. Während die Öffentlichkeit vor allem Jack Ma wahrnahm, arbeitete im Hintergrund Joseph Tsai, ein Yale-Absolvent mit besten Verbindungen in die internationale Finanzwelt. Tsai war zuvor für Investor AB tätig gewesen und spielte eine zentrale Rolle bei der Beschaffung jener Finanzmittel, die Alibaba innerhalb kürzester Zeit in eine völlig andere Liga katapultierten.

Die Geschichte vom chinesischen Unternehmergenie bekommt dadurch zusätzliche Facetten. Denn die entscheidenden Türen öffneten sich nicht in Hangzhou, sondern in den Vorstandsetagen internationaler Finanzhäuser.

Später folgten Yahoo und weitere westliche Investoren. Alibaba war damit von Beginn an Teil eines globalen Finanznetzwerks und keineswegs ein isoliertes chinesisches Projekt.

Die Wallenberg-Verbindung

Hier lohnt sich ein kurzer Blick auf die Wallenberg-Familie. Kaum ein Name ist ausserhalb von Finanzkreisen so unbekannt und gleichzeitig so einflussreich. Über Investor AB kontrollieren die Wallenbergs Beteiligungen an zahlreichen europäischen Industrie- und Technologiekonzernen. Über Jahrzehnte galt die Familie als eine Art wirtschaftlicher Schattenstaat Schwedens.

Als Joseph Tsai für Investor AB arbeitete, bewegte er sich bereits in den höchsten Kreisen internationaler Kapitalströme. Als er später zu Alibaba wechselte, nahm er diese Kontakte mit. Aus Chungs Sicht war dies kein nebensächliches Detail, sondern einer der Schlüssel zum rasanten Aufstieg des Unternehmens.

Die Geschichte wirkt dadurch weniger wie ein spontanes Wunder aus einer Wohnung in Hangzhou und stärker wie die Geburtsstunde eines Projekts, das früh die Aufmerksamkeit globaler Finanzakteure auf sich zog.

SoftBank und das grosse Geld

Zu den frühen Geldgebern gehörte auch SoftBank. Heute wird SoftBank meist als japanischer Technologiekonzern wahrgenommen. Tatsächlich entwickelte sich das Unternehmen über Jahrzehnte zu einer der mächtigsten Investmentmaschinen der Welt.

SoftBank investierte nicht nur in Alibaba. Das Unternehmen beteiligte sich später an Uber, DoorDash, OpenAI und zahlreichen weiteren Technologiekonzernen. Der milliardenschwere Vision Fund wurde zu einem der grössten Technologiefonds der Welt.

Chung verweist darauf, dass SoftBank heute zu den zentralen Akteuren rund um die gigantischen KI-Investitionen der Gegenwart gehört. Aus ihrer Sicht entsteht dadurch eine auffallende Verbindungslinie zwischen den frühen Alibaba-Investitionen und den heutigen KI-Grossprojekten.

Wer die Geschichte ausschliesslich als Konflikt zwischen China und dem Westen betrachtet, übersieht die Rolle jener Investoren, die auf beiden Seiten gleichzeitig aktiv sind.

Die Schweizer Spur führt direkt zur Credit Suisse

Für Schweizer Leser wird die Geschichte spätestens beim Börsengang von Alibaba interessant.

Als Alibaba 2014 an die Börse ging, handelte es sich um einen der grössten Börsengänge der Wirtschaftsgeschichte. Die Aussicht auf Milliardenhonorare löste an der Wall Street einen regelrechten Wettbewerb aus. Praktisch jede Grossbank wollte dabei sein.

Am Ende gehörten sechs Institute zum innersten Kreis: Goldman Sachs, JPMorgan Chase, Citigroup, Morgan Stanley, Deutsche Bank und die Credit Suisse. Ja, ja, genau diese Credit Suisse.

Jene Bank, die Jahre später über Greensill, Archegos und eine beispiellose Serie von Fehlentscheidungen stolperte und schliesslich von der UBS übernommen werden musste.

Während Schweizer Medien regelmässig über die Gefahren chinesischer Technologie berichteten, sass die Credit Suisse in der ersten Reihe und half dabei, einen chinesischen Technologieriesen an die Wall Street zu bringen.

Die UBS wiederum war im Umfeld von JD.com engagiert, dem grossen Rivalen von Alibaba und engen Partner von Tencent. Egal auf welche Seite man blickte, Schweizer Banken waren präsent. China war nicht nur geopolitisches Thema. China war ein Geschäft. Und zwar ein sehr gutes.

BlackRock, Vanguard und die Frage nach dem Eigentum

Die Geschichte wird noch spannender, wenn man sich die Aktionäre von Alibaba anschaut.

Zu den bedeutenden Anteilseignern gehören Vermögensverwalter wie BlackRock, Vanguard und JPMorgan. Das sind keine chinesischen Staatsunternehmen. Es handelt sich um zentrale Akteure des westlichen Finanzsystems.

BlackRock verwaltet Vermögen in Billionenhöhe. Vanguard gehört ebenfalls zu den grössten Vermögensverwaltern der Welt. Beide Unternehmen tauchen heute in den Aktionärslisten unzähliger Konzerne auf.

Wer die Eigentümerstrukturen betrachtet, erkennt schnell, dass die Trennung zwischen chinesischem und westlichem Kapital häufig weit weniger klar verläuft, als politische Reden vermuten lassen.

Auf dem Papier mag Alibaba ein chinesischer Konzern sein. Die Eigentümerstruktur erzählt eine deutlich internationalere Geschichte.

Die Cayman-Inseln mitten in der Geschichte

Ein weiteres Detail fällt auf. Alibaba ist nicht in China registriert. Alibaba ist auf den Cayman-Inseln registriert.

Die Cayman-Inseln gehören seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Offshore-Finanzplätzen der Welt. Dort registrieren sich nicht zufällig Unternehmen. Solche Konstruktionen dienen internationalen Investoren, komplexen Beteiligungsstrukturen und steuerlichen Optimierungen.

Allein dieses Detail passt schlecht zur Vorstellung eines rein chinesischen Nationalprojekts. Während westliche Politiker vor chinesischem Einfluss warnen, operieren viele der angeblich chinesischen Technologieriesen über Strukturen, die tief in die globale Finanzarchitektur eingebettet sind.

Jack Ma und der Moment der Kollision

Der entscheidende Wendepunkt kam im Jahr 2020.

Damals sollte die Ant Group, das Fintech-Imperium von Jack Ma, an die Börse gehen. Es wäre einer der grössten Börsengänge der Weltgeschichte geworden. Kurz vor dem Start griff die chinesische Regierung ein. Im Westen wurde dies als Angriff auf Innovation dargestellt. Jack Ma wurde zum Symbol eines autoritären Staates, der erfolgreiche Unternehmer kleinhalte.

Chung sieht es anders. Sie argumentiert, dass Ant Group längst bankähnliche Geschäfte betrieb, ohne denselben regulatorischen Verpflichtungen zu unterliegen. Milliarden von Krediten wurden vermittelt, während ein erheblicher Teil der Risiken bei anderen Akteuren landete.

Für Chung erinnerte dieses Modell stark an jene Mechanismen, die bereits die chinesische Peer-to-Peer-Kreditkrise und zuvor die westliche Finanzkrise geprägt hatten. Aus dieser Perspektive erscheint der Konflikt zwischen Jack Ma und Peking nicht als Kampf zwischen Freiheit und Autoritarismus, sondern als Auseinandersetzung um Kontrolle über das Finanzsystem.

Das eigentliche Sozialkredit-System

Hier erreicht Chungs Argumentation ihren eigentlichen Höhepunkt. Sie behauptet nicht, dass es in China keine Überwachung gibt. Sie behauptet auch nicht, dass China ein Musterbeispiel individueller Freiheit sei. Ihre These lautet etwas anders.

Ihre These lautet vielmehr, dass die heute weltweit bekannte Vorstellung eines allumfassenden chinesischen Sozialkreditsystems mit den ursprünglichen Projekten von Alibaba, Ant Group und Tencent deutlich mehr gemeinsam habe als mit der Vorstellung eines zentral gesteuerten staatlichen Punktesystems.

Nach ihrer Darstellung entwickelten private Technologiekonzerne umfangreiche Bewertungs- und Reputationssysteme, die zunehmend darüber entschieden, welche Vorteile Nutzer erhielten, welche Dienstleistungen ihnen offenstanden und welche finanziellen Möglichkeiten sie hatten. Wer über ein gutes Profil verfügte, erhielt Vorteile. Wer schlechter bewertet wurde, verlor Privilegien, Rabatte oder Zugangsmöglichkeiten.

Eben gegen diese privaten Systeme ging die chinesische Regierung ab 2020 vor. Jack Mas Ant Group verlor ihren historischen Börsengang. Die grossen Peer-to-Peer-Kreditplattformen verschwanden vom Markt. Neue Regulierungen zwangen die Fintech-Konzerne dazu, Risiken selbst zu tragen, anstatt sie an andere Marktteilnehmer weiterzureichen.

Damit entsteht ein Bild, das sich deutlich von der vertrauten Darstellung westlicher Medien unterscheidet. Während die Öffentlichkeit über das chinesische Sozialkreditsystem diskutierte, tobte im Hintergrund ein Machtkampf um die Kontrolle des Finanzsystems, um Kreditvergabe, Daten und digitale Bewertungsmechanismen. In Chungs Darstellung stand dabei nicht der chinesische Staat einem schutzlosen Bürger gegenüber, sondern die chinesische Regierung mächtigen Technologie- und Finanzkonzernen, deren Einfluss in den Jahren zuvor massiv gewachsen war.

Deshalb ist ihre Recherche so aufschlussreich. Denn die Spur führt nicht nur nach Peking. Sie führt ebenso nach London, New York, Silicon Valley, zu Goldman Sachs, SoftBank, BlackRock, Vanguard und zu jenen Banken, die den Aufstieg dieser Konzerne finanzierten, begleiteten und daran verdienten.

Sommer-Davos in Dalian

Während diese Zeilen geschrieben werden, landen in Dalian die ersten Privatjets. Delegationen treffen ein, Hotels füllen sich, Limousinen fahren vor. In Kürze beginnt das Sommer-Davos des World Economic Forum.

In den kommenden Tagen werden Politiker, Konzernlenker, Investoren, Technologiekonzerne und internationale Organisationen über die Zukunft der Weltwirtschaft diskutieren. Auf dem Programm stehen künstliche Intelligenz, globale Lieferketten, Finanzmärkte, Innovation, Energieversorgung und die wirtschaftliche Zukunft Chinas. Am letzten Tag folgt eine Gesprächsrunde mit dem Titel «US and China: From Here to Where?».

Nach der Lektüre von Cynthia Chung wirkt diese Überschrift plötzlich etwas anders.

Denn ihre Recherche erzählt nicht die Geschichte zweier Welten, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Sie erzählt die Geschichte eines eng verflochtenen Finanz- und Technologiesystems, in dem dieselben Namen immer wieder auftauchen. Goldman Sachs. SoftBank. BlackRock. Vanguard. Alibaba. Tencent. Credit Suisse. UBS.

Je länger man den Spuren des Geldes folgt, desto schwieriger wird es, die Welt in klar getrennte Lager einzuteilen.

Das würde auch erklären, weshalb sich die globale Finanz- und Wirtschaftselite Jahr für Jahr ausgerechnet in China trifft. Die Teilnehmer des Sommer-Davos werden in den nächsten Tagen viel über die Zukunft sprechen.

Wer Cynthia Chungs Recherche bis zum Ende verfolgt, erkennt, weshalb das Thema weit über China hinausreicht. Die Bausteine einer digital verwalteten Gesellschaft werden längst nicht mehr nur in Peking diskutiert. Digitale Identitäten, digitale Brieftaschen, digitale Nachweise, algorithmische Bewertungen und die Verknüpfung immer grösserer Datenmengen stehen heute auch in Europa und in der Schweiz auf der politischen Agenda.

Das World Economic Forum macht aus dieser Entwicklung seit Jahren keinen Hehl. Digitalisierung, digitale Identität und datenbasierte Steuerung gesellschaftlicher Prozesse gelten dort als zentrale Elemente der kommenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.

Das chinesische Sozialkreditsystem erscheint damit weniger als chinesische Besonderheit denn als Vorschau auf eine Entwicklung, die unter anderen Namen und mit anderen Etiketten längst auch bei uns im Westen vorangetrieben wird. Ausgerechnet jene Entwicklung also, die uns seit Jahren als ausschliesslich chinesisches Phänomen präsentiert wird.

Die E-ID verfolgt selbstverständlich ganz andere Ziele. Sie soll das Leben einfacher, bequemer und effizienter machen. Genauso wie digitale Brieftaschen, digitale Nachweise und die zunehmende Verknüpfung persönlicher Daten ausschliesslich dem Fortschritt dienen sollen.

Skepsis ist dabei nur begrenzt erwünscht. Wer Fragen stellt, läuft Gefahr, als Technikleugner, Fortschrittsbremse oder Zukunftsverweigerer zu gelten.

So lautet zumindest die offizielle Geschichte.

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