Die Oberarm-Erzählung
Was die Öffentlichkeit hörte und was Swissmedic tatsächlich diskutierte
Im Rahmen einer BGÖ-Anfrage hat der Schweizerische Verein WIR von Swissmedic eine interne Bewertungsunterlage zum Pfizer-Covid-Impfstoff erhalten. Das Dokument wirft ein interessantes Licht auf eine Frage, die während der Corona-Zeit kaum öffentlich diskutiert wurde:
Was wusste die Zulassungsbehörde eigentlich über die Verteilung der mRNA-Impfstoffe im Körper?
Wer sich an die Corona-Jahre erinnert, erinnert sich auch an die beruhigenden Botschaften, mit denen die Bevölkerung zum Impfen bewegt werden sollte. Man müsse nur die Ärmel hochkrempeln, dann könne Schritt für Schritt zur Normalität zurückgekehrt werden. Die mRNA-Impfstoffe würden im Oberarm wirken, dort von den Körperzellen aufgenommen und anschliessend wieder abgebaut. Die mRNA gelange nicht in den Zellkern und verschwinde rasch wieder aus dem Körper. Wer damals nachfragte, ob sich die Impfstoffbestandteile auch in andere Organe verteilen könnten, galt schnell als Verschwörungstheoretiker und Wissenschaftsfeind oder wurde pauschal dem Lager der Impfgegner zugerechnet.
Heute, einige Jahre später, ist vieles von dem, was damals als unumstössliche Gewissheit verkauft wurde, ins Wanken geraten. Die versprochene Verhinderung von Ansteckungen und Übertragungen hielt der Realität nicht stand. Zahlreiche Nebenwirkungen mussten nachträglich anerkannt werden. Und immer deutlicher zeigt sich, dass die Behörden über viele Unsicherheiten deutlich besser informiert waren, als es die öffentliche Kommunikation vermuten liess.
In eben dieses Bild passen die Unterlagen, welche der Schweizerische Verein WIR im Rahmen einer BGÖ-Anfrage bei Swissmedic erwirken konnte. Sie ermöglichen erstmals einen direkten Einblick in die damalige Bewertung des Pfizer-Impfstoffs durch die Schweizer Zulassungsbehörde.
Was die Bevölkerung hörte
In der offiziellen Kommunikation entstand während der Pandemie bei vielen Menschen der Eindruck, die mRNA-Impfstoffe würden hauptsächlich lokal im Muskel wirken.
So erklärte ein offizielles BAG- und Infovac-Factsheet für Gesundheitsfachpersonen im Jahr 2021, die mRNA verbleibe im Cytoplasma, werde nicht in den Zellkern transportiert und die mRNA sowie die erzeugten Proteine würden rasch wieder abgebaut.
Auch die Patienteninformationen (für Moderna) beschrieben die Impfung schlicht als Injektion in den Oberarmmuskel . Die Plattform der Akademien der Wissenschaften Schweiz erklärte ebenfalls, der Impfstoff werde in den Muskel gespritzt und dort von den Körperzellen aufgenommen .
Keine dieser Aussagen war für sich genommen falsch. Zusammengenommen vermittelten sie jedoch vielen Menschen das Bild eines lokal wirkenden und kurzlebigen Vorgangs, der sich weitgehend auf die Einstichstelle beschränkt.
Was Swissmedic intern diskutierte
In den internen Bewertungsunterlagen von Swissmedic findet sich ein deutlich differenzierteres Bild. Dort steht gerade nicht, dass die Verteilung der mRNA im Körper abschliessend geklärt gewesen sei.
Im Gegenteil. Swissmedic hielt ausdrücklich fest:
«The mRNA pharmacokinetics (PK) is not well characterised.»
Auf Deutsch bedeutet dies nichts anderes, als dass die Pharmakokinetik der mRNA, also ihr Verhalten und ihre Verteilung im Körper, nicht ausreichend charakterisiert war.
Noch klarer wird dies an einer zweiten Stelle:
«The consequences of this broad distribution are not characterised.»
Mit anderen Worten: Selbst die Folgen der breiten Verteilung der Impfstoffbestandteile im Körper waren zum damaligen Zeitpunkt nicht ausreichend charakterisiert. Das ist eine ungewöhnliche Feststellung für ein Produkt, das gleichzeitig millionenfach verabreicht wurde.
Die Fragen, die Swissmedic selbst stellte
Swissmedic stellte Pfizer zu diesen Punkten sogar konkrete Rückfragen. Die Behörde wollte wissen, weshalb keine zusätzlichen Untersuchungen zur Biodistribution und Persistenz des Impfstoffs in Organen und Geweben durchgeführt wurden.
Biodistribution bedeutet nichts anderes als die Frage, wohin sich die Bestandteile eines Arzneimittels nach der Verabreichung im Körper verteilen. Persistenz beschreibt, wie lange diese Bestandteile dort verbleiben.
Pfizer verwies darauf, dass derartige Untersuchungen bei Impfstoffen üblicherweise nicht verlangt würden. Das mag für klassische Impfstoffe nachvollziehbar sein. Bei einem neuartigen mRNA-Produkt, das erstmals in grossem Umfang eingesetzt wurde und dessen Verteilung im Körper gleichzeitig Gegenstand von Rückfragen der Zulassungsbehörde war, wirkt dieses Argument jedoch weniger selbstverständlich.
Genau an diesem Punkt wird es politisch. Nicht bei der Frage, ob die mRNA im Oberarm bleibt, sondern beim Unterschied zwischen dem, was öffentlich kommuniziert wurde, und dem, was die Zulassungsbehörde intern diskutierte.
Was die Bevölkerung hörte und was Swissmedic las
Während die Bevölkerung den Eindruck erhielt, die mRNA-Impfstoffe würden lokal im Oberarm wirken und anschliessend rasch wieder abgebaut, zeigen die internen Bewertungsunterlagen ein deutlich differenzierteres Bild. Die Zulassungsbehörde diskutierte Fragen zur Verteilung des Impfstoffs im Körper, zu seiner Persistenz und zu den möglichen Folgen dieser Verteilung.
Genau deshalb geht es hier nicht um eine akademische Detaildiskussion, sondern um die Grundlage einer Zulassungsentscheidung. Die Geschichte vom mRNA-Impfstoff, der einfach im Oberarm bleibt und dort seine Arbeit verrichtet, war jedenfalls nie so eindeutig belegt, wie viele Menschen während der Pandemie glauben gemacht wurden.
Heute ist dokumentiert, dass zentrale Fragen zur Verteilung im Körper und zu den Folgen dieser Verteilung bei der Zulassung noch diskutiert wurden. Die Bevölkerung erhielt damals Gewissheiten. Die Akten zeigen offene Fragen.
Und genau darin liegt wohl eines der grössten Probleme der Corona-Jahre: Nicht, dass es Unsicherheiten gab, sondern dass man vielerorts so tat, als gäbe es keine.












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