Wenn die Lieferketten reissen:
Warum die Schweiz ihre Ernährungssicherheit überschätzt
Zwischen Alarmismus und Realität: Was die Hormus-Krise wirklich über unsere Abhängigkeiten offenlegt
«Eine militärische Eskalation könnte die wichtigste Energie- und Handelsader der Welt lahmlegen, die Strasse von Hormus.»
So skizzierte die EZB-Präsidentin Christine Lagarde in diesen Tagen ein mögliches Szenario. Sie sprach von erheblichen Risiken für Energie und Lieferketten sowie von einem möglichen Ausfall von bis zu einem Drittel des globalen Verkehrs. Besonders kritisch sei dabei ein Punkt: «Ein Drittel der Düngemittel wird durch die Strasse von Hormus transportiert.»
Noch ist nichts vollständig kollabiert. Noch funktionieren die Märkte. Noch sind die Regale gefüllt. Aber was passiert, wenn dieses «Noch» verschwindet?
Es ist einer dieser Sätze, die man liest, kurz nickt , und dann weiterscrollt. Noch ist nichts passiert. Noch sind die Regale voll. Noch funktioniert alles. Aber genau darin liegt das Problem.
Vom Szenario zur Realität
Denn was heute als mögliches Szenario beschrieben wird, wurde längst durchgespielt.
Im Jahr 2015 trafen sich in Washington Vertreter aus Politik, Wirtschaft, internationalen Organisationen und Agrarkonzernen zu einem Planspiel. Titel: «Food Chain Reaction» . Zwei Tage lang simulierten sie eine Welt, in der genau das passiert, was heute wieder vorsichtig diskutiert wird: extreme Wetterereignisse, politische Konflikte, steigende Preise, Engpässe bei Nahrungsmitteln, soziale Unruhen. Das Ergebnis war kein Thriller. Es war ein nüchterner Ablauf: Wenn das System unter Druck gerät, reagieren Staaten, Märkte und Institutionen , aber immer unter Zeitdruck, immer mit Verzögerung, immer mit Nebenwirkungen.
Das Planspiel von 2015
Der entscheidende Punkt ist aber, dass dieses Szenario kein Ausreisser war. Es war ein realistisches Stressmodell für ein System, das bereits damals als fragil erkannt wurde.
Wie das System wirklich funktioniert
Und genau hier beginnt die eigentliche Analyse. Unser heutiges Ernährungssystem basiert auf einer stillschweigenden Voraussetzung: Dass alles funktioniert. Dass Energie verfügbar ist, dass Transportwege offen bleiben, dass Dünger rechtzeitig geliefert wird und dass globale Lieferketten nicht reissen. Fällt ein Baustein aus, etwa durch eine Blockade der Strasse von Hormus, beginnt eine Kettenreaktion.
Denn moderne Landwirtschaft ist längst kein in sich geschlossenes lokales System mehr, sondern Teil eines hochgradig vernetzten globalen Gefüges, in dem Abhängigkeiten nicht die Ausnahme, sondern die Regel darstellen. Stickstoffdünger hängt direkt an Gas und Energie, Phosphor und Kalium werden weltweit gehandelt, Saatgut, Maschinen, Transport, alles ist vernetzt. Gleichzeitig ist dieses System auf maximale Effizienz getrimmt worden, wobei jede unnötige Redundanz entfernt wurde und damit genau jene Puffer verschwanden, die in Krisenzeiten entscheidend wären. Minimale Lagerhaltung, Just-in-time-Lieferketten, hohe Spezialisierung.
Was dabei verloren gegangen ist, sind Puffer und damit letztlich auch Resilienz, also genau jene Fähigkeit, die ein System benötigt, um unter Druck nicht sofort ins Wanken zu geraten. Hinzu kommt eine starke Konzentration: Ein relativ kleiner Kreis globaler Unternehmen kontrolliert zentrale Teile der Wertschöpfung , vom Handel über die Verarbeitung bis zur Logistik. Das ist kein Skandal. Das ist die logische Folge eines Systems, das über Jahre konsequent auf globale Effizienz ausgerichtet wurde.
Die Schweiz im globalen Gefüge
Und damit sind wir bei der Schweiz. Die Schweiz produziert, je nach Berechnung, rund 45 bis 60 Prozent ihrer Nahrungsmittel selbst. Der Netto-Selbstversorgungsgrad liegt bei rund 45 bis 49 Prozent, bei pflanzlichen Lebensmitteln sogar nur bei etwa 37 Prozent. Im internationalen Vergleich ist das schwach. Frankreich erreicht eine weitgehende Eigenversorgung, Deutschland liegt deutlich höher. Zum Einordnen: Der Brutto-Selbstversorgungsgrad beträgt etwa 54 bis 60 Prozent und beschreibt die Inlandproduktion. Der Netto-Wert fällt tiefer aus, weil ein Teil der tierischen Produktion auf importierten Futtermitteln basiert. Der Rest kommt aus dem Ausland.
Und selbst dieser Netto-Wert ist nur stabil, solange Energie, Dünger und Transport reibungslos funktionieren. Fällt einer dieser Faktoren aus oder gerät unter Druck, verschiebt sich die scheinbar stabile Rechnung sehr schnell.
Das wird in der öffentlichen Debatte oft ausgeblendet. Denn der Selbstversorgungsgrad wirkt auf den ersten Blick wie eine statische Grösse. In Wirklichkeit ist er hochdynamisch und abhängig von globalen Rahmenbedingungen.
Das allein wäre kein Problem, wenn diese Abhängigkeiten stabil und verlässlich wären. Genau das sind sie jedoch nicht.
Mehr als die Hälfte der in der Schweiz konsumierten Lebensmittel hängt direkt oder indirekt vom Ausland ab. Diese Abhängigkeit betrifft nicht nur fertige Produkte, sondern ebenso Futtermittel, Energie für die Produktion und die Funktionsfähigkeit internationaler Transportwege.
Gleichzeitig ist die Schweiz tief in globale Märkte, Regelwerke und Lieferketten eingebunden. Damit entsteht eine Situation, in der die Versorgung im Inland zwar organisiert wird, ihre Voraussetzungen jedoch zu einem erheblichen Teil ausserhalb der eigenen Kontrolle liegen. Dieses Spannungsfeld ist offensichtlich, wird aber erstaunlich selten klar benannt.
Ein Land mit direkter Demokratie trifft seine Entscheidungen formal auf nationaler Ebene. Gleichzeitig ist das Ernährungssystem, in dem sich diese Entscheidungen auswirken, längst global organisiert. Preise, Verfügbarkeiten, Produktionsbedingungen und sogar politische Handlungsspielräume werden zu einem grossen Teil ausserhalb der Schweiz beeinflusst.
Das bedeutet, dass viele entscheidende Weichen bereits gestellt werden, lange bevor überhaupt darüber abgestimmt wird, weil die relevanten Rahmenbedingungen faktisch von aussen gesetzt werden. Wenn es um konkrete Vorlagen geht, bewegt man sich oft bereits innerhalb eines vorgegebenen Rahmens, der durch internationale Märkte, Abkommen und Abhängigkeiten definiert ist.
Und genau darüber wird kaum gesprochen. Stattdessen dreht sich die Debatte oft im Kreis. Die einen warnen vor Abhängigkeiten und fordern höhere Selbstversorgung. Die anderen halten diese Zahlen für irreführend und verweisen darauf, dass moderne Landwirtschaft ohnehin auf importierten Vorleistungen basiert. Beide Seiten haben einen Punkt.
Aber beide umgehen die entscheidende Frage: Was passiert, wenn die externen Inputs, Energie, Dünger und Transporte, gleichzeitig unter Druck geraten? Dann ist die theoretische Versorgungssicherheit durch Märkte wenig wert. Ein System, das nur funktioniert, solange alles reibungslos läuft, ist kein sicheres System.
Das ist kein Alarmismus, sondern lediglich eine nüchterne Feststellung. Wir haben heute kein Versorgungsproblem. Wir haben ein Strukturproblem. Ein System, das auf Effizienz optimiert ist, wird zwangsläufig anfällig für Störungen.
Das zeigt sich nicht erst im Krisenfall, sondern bereits in kleineren Verwerfungen. Steigende Energiepreise, Verzögerungen in Lieferketten oder geopolitische Spannungen reichen aus, um Preise nach oben zu treiben und Unsicherheit zu erzeugen. Die grosse Krise ist dabei oft nur die Spitze eines Eisbergs, der sich schon lange aufgebaut hat. Und je globaler es ist, desto grösser die Wirkung eines einzelnen Engpasses.
Der blinde Fleck der Politik
Doch vielleicht liegt das eigentliche Problem gar nicht dort, wo wir hinschauen. Wir diskutieren über mögliche Engpässe, über Hormus, über Dünger, über globale Risiken. Was wir kaum diskutieren, sind die hausgemachten Faktoren. Denn während wir über Versorgungssicherheit sprechen, verändern wir gleichzeitig die Grundlagen unserer eigenen Produktion. Betriebe verschwinden, Auflagen nehmen zu, Planungssicherheit nimmt ab. Und immer häufiger entsteht der Eindruck, dass Landwirtschaft nicht mehr als strategische Grundlage verstanden wird, sondern als Sektor, der in immer engere Zielvorgaben gepresst wird.
Viele dieser Zielvorgaben entstehen im Kontext von Klima- und Nachhaltigkeitsprogrammen. Sie verfolgen Ziele, deren Auswirkungen auf Versorgungssicherheit oft nicht konsequent mitgedacht werden (z.B. Net Zero). Doch die Frage, was diese Ziele konkret für die Fähigkeit eines Landes bedeuten, sich im Krisenfall selbst zu versorgen, bleibt unausgesprochen.
Wenn gleichzeitig erfahrene Betriebsleiter aus strukturellen oder altersbedingten Gründen aus dem System gedrängt werden, stellt sich die Frage, ob die langfristige Stabilität überhaupt noch im Zentrum steht.
Wir reden über globale Risiken und verlieren dabei aus dem Blick, dass wir unsere eigene Widerstandsfähigkeit Schritt für Schritt reduzieren, oft im Namen ideologischer Ziele.
Zwischen Panik und Verdrängung
Zu oft bewegen wir uns zwischen zwei unproduktiven Extremen. Entweder werden Risiken ausgeblendet, solange alles noch funktioniert, oder jedes neue Szenario löst reflexartig Alarmstimmung aus. Beides verstellt den Blick auf das, worauf es ankommt.
Entscheidend ist nicht, ob einzelne Importgüter wie Bananen oder Ananas vorübergehend fehlen. In einer echten Versorgungskrise zählt, ob ausreichend Grundnahrungsmittel verfügbar sind und ob die grundlegenden Prozesse der Produktion und Verteilung stabil bleiben. Genau hier zeigt sich die Schwäche eines Systems, das auf Effizienz optimiert ist und kaum Puffer kennt.
Statt in Alarmismus zu verfallen oder Risiken zu relativieren, braucht es eine nüchterne Bestandsaufnahme der strukturellen Abhängigkeiten. Dazu gehört die Frage, wie stark Produktion, Vorleistungen und Logistik von externen Faktoren abhängen und wie robust diese Verbindungen im Krisenfall sind.
Souveränität entsteht nicht durch wohlklingende Programme, sondern durch die Fähigkeit, zentrale Funktionen auch unter Druck aufrechtzuerhalten. Wer darüber erst im Krisenfall sprechen will, hat den Zeitpunkt nicht nur verpasst, sondern die Verantwortung bereits abgegeben.










0 Comments