2052: Als die Rechnungen fällig wurden
Eine Zukunftsgeschichte über Windkraft, Verantwortung und die Frage, weshalb manche Debatten erst beginnen, wenn die Folgen sichtbar werden.
Am 15. Juni 2026 beantwortete der Gemeinderat Hüntwangen eine Anfrage zur geplanten Windkraftanlage an der Gemeindegrenze.
Erfreulicherweise teilt die Gemeinde die Sorgen ihrer Bürgerin und hat sich in dieser Angelegenheit bereits klar positioniert. Sie sprach sich gegen das Windenergiegebiet aus, stösst jedoch dort an Grenzen, wo heute die Entscheidungsgewalt liegt: auf kantonaler Ebene.
Das Antwortschreiben ist unterhalb dieses Beitrages publiziert. Wer sich ein eigenes Bild machen möchte, nimmt sich die Zeit für die aufschlussreiche Lektüre.
Eine Frage bleibt jedoch im Raum stehen:
Was passiert, wenn niemand die Stimme erhebt und aufgrund veränderter Voraussetzungen eine Überprüfung der Energiepolitik verlangt?
Die nachfolgende Zukunftsgeschichte nimmt diesen Gedanken auf.
Sie spielt im Jahr 2052 und ist bewusst fiktiv. Gleichzeitig basiert sie auf Themen, die bereits heute diskutiert werden: Rückbau und Entsorgung von Windkraftanlagen, langfristige Kosten, mögliche Gesundheitsfragen sowie die Verantwortung von Politik und Behörden.
Natürlich fliesst bis dahin noch viel Wasser unter der Eglisauer Brücke hindurch.
Am 17. Juni 2026 findet in Hüntwangen die Gemeindeversammlung der politischen Gemeinde Hüntwangen statt. Im Fokus stehen eine Einzelinitiative des FC Rafzerfeldes über einen Investitionsbeitrag sowie eine Einzelinitiative, welche ein «Feuerwerksverbot» verlangt. Zudem wurde eine Anfrage gemäss §17 des Gemeindesetzes eingereicht, welche Auskunft zur geplanten Windkraftanlage an unserer Gemeindegrenze verlangt.
Worum geht es bei der Windkraftanlage?
- Der Bund hat mit dem Stromgesetz vom 9. Juni 2024 den Ausbau erneuerbarer Energien politisch gestärkt. Das war aber keine Abstimmung über einen konkreten Windpark in Hüntwangen.
- Der Kanton Zürich hat das Gebiet Wasterkingen/Hüntwangen als mögliches Windenergie-Eignungsgebiet in seine Planung aufgenommen. Grosse Windkraftanlagen können grundsätzlich nur in solchen Richtplan-Gebieten entstehen.
- Die Gemeinde Hüntwangen hat sich nachweislich gegen die Aufnahme des Gebiets in den Richtplan ausgesprochen und den Kanton aufgefordert, das Gebiet nicht als Windenergiegebiet festzusetzen.
- Tatsächlich wurde in den letzten zwei Jahren mehrfach versucht, auf Gemeindeebene Mindestabstände oder andere Hürden einzuführen. Der Kanton Zürich hat mehrere solcher Vorstösse nicht genehmigt. Zudem entschied das Baurekursgericht 2026, dass Gemeinden die kantonale Windplanung nicht einfach mit eigenen Abstandsvorschriften aushebeln dürfen.
Klimarat nimmt Abstand von Extrem-Progonse
Die Schreiberin der Anfrage zieht nun zwei neue Gesichtspunkte in Betracht, mit welchen ein Bau der umstrittenen Anlage verhindert werden könnte:
- Die Tatsache, dass bei der Anpassung des Stromgesetzes noch nicht bekannt war, dass der Klimarat seine Ziele aufgrund falscher Zahlen gesetzt hatte
- Neuste wissenschaftliche Erkenntnisse, dass Infraschallwellen die Gesundheit der Bevölkerung massgeblich beeinträchtigen kann.
Die Anfrage dokumentiert diese Punkte, ebenso das Schreiben an die Nachbarsgemeinde Wasterkingen, auf deren Gemeindegebiet die 3 Windräder einst gebaut werden sollen.
Hüntwangen, 17. August 2052.
«Komm her», ermahnt Luise ihren Hund, als sie an den Umweltaktivisten vorbeischreitet, die sich als Mahnwache am Absperrgitter vor dem ehemaligen Kieswerk angekettet haben. «Ihr hättet das vor 25 Jahren machen sollen», denkt sie sich kopfschüttelnd. Damals wurden die ersten Windkrafträder auf den sanften Hügeln des Rafzerfeldes aufgestellt, trotz Widerstand aus der Bevölkerung. In der Kiesgrube wühlten damals noch die Bagger und lange Förderbänder transportierten den Kies zum Werkgebäude. Kies aus dem Rafzerfeld fand den Weg in die ganze Schweiz. Im Gegenzug fanden im Rahmen der Renaturierung seltene Pflanzen den Weg ins Kieswerk, wo sie in vielen Spaziergängern die Freude an Botanik wiedererweckten.
Doch dann passierte etwas, mit dem niemand gerechnet hatte.
Das Ausland verweigerte plötzlich die Annahme von ausgemusterten Windrädern und die billige Entsorgung des sperrigen Materials auf halblegalen Müllhalden wurde abrupt gestoppt. Die Schweiz kam in die Verantwortung und musste die Folgen seiner Energiepolitik auf eigenem Territorium bewältigen.
Zwar entstanden neue Recyclinganlagen, doch die Kosten blieben hoch. Gleichzeitig wuchs die Menge des anfallenden Materials schneller als erwartet. Stillgelegte Kieswerke wurden zu Langzeitlager für Verbundwerkstoffe aus Windkraftanlagen umfunktioniert. In endlosen Schwertransporten wurden sie herangekarrt: Rotorblätter mit bis zu 90 Metern Länge fanden durch den neu gebauten Umfahrungstunnel Eglisau ihren Weg ins einst idyllische Rafzerfeld und wurden schichtweise aufeinandergestapelt, um letztendlich von Baggern mit einer Schicht Erde zugedeckt zu werden.
Luises Blick wandert zum Zementwerk hinter der Absperrung. Dort werden zerkleinerte Teile verbrannt. Die giftstoff-belastete Asche muss jedoch von hier zu den Endlagern gebracht werden, die seinerzeit für den Atommüll gebaut wurden. Ironischerweise konnte inzwischen der Brennstoff für die Atomkraftwerke soweit verwertet werden, dass praktisch kein Atomabfall mehr zu entsorgen war, so dass die Endlager problemlos umgenutzt werden konnten.
«Hast Du das gesehen?» fragt Luise ihren Hund und zeigt auf das Ende eines gigantischen Rotorblattes, das aus dem Boden ragt. Weiter vorne liegt Ware, die noch zerkleinert werden soll und gerade noch in Sichtweite verteilen Bagger eine dünne Erdschicht über den Windrädern, die einst so stolz in die Höhe geragt waren.
Klimaziele und Versorgungssicherheit
Als in den 2020er- und 2030er-Jahren zahlreiche Windparks geplant wurden, standen vor allem Klimaziele, Stromproduktion und Versorgungssicherheit im Mittelpunkt der Diskussion. Weniger Aufmerksamkeit erhielt die Frage, was nach dem Ende ihrer Betriebsdauer geschehen würde.
Heute, rund 25 Jahre später, blickt Luise der unangenehmen Realität in die Augen. Die erste Generation grosser Windkraftanlagen hat das Ende ihrer technischen Lebensdauer erreicht. Tausende Anlagen in Europa müssen zurückgebaut oder ersetzt werden. Besonders die Rotorblätter erweisen sich als Herausforderung. Während Stahl, Kupfer und Beton teilweise wiederverwertet werden können, bleiben die glas- und carbonfaserverstärkten Verbundwerkstoffe schwierig zu recyceln.
Die damaligen Prognosen hatten zwar auf das Problem hingewiesen. Optimistisch ging man jedoch davon aus, dass bis zum Ende der Lebensdauer wirtschaftliche Recyclingverfahren im grossen Massstab zur Verfügung stehen würden. Diese Hoffnung erfüllte sich nur teilweise.
Von der „Anbauschlacht“ zum Entsorgungsdesaster
Darum, seufzt Luise, erinnert heute in Hüntwangen wenig an die ursprüngliche Landschaft. Wo während dem Weltkrieg einst ihre Ururgrosseltern anlässlich der «Anbauschlacht» Wald rodeten und ihre Grosseltern später dem wachsenden Kieswerk zusahen, lagern nun die Überreste einer Technologie, die als Symbol einer nachhaltigen Zukunft gegolten hatte.
Doch nicht nur die Entsorgung beschäftigt Politik und Bevölkerung.
In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Studien zu den langfristigen Auswirkungen tieffrequenter Schallemissionen und von Infraschall veröffentlicht. Die Ergebnisse blieben teilweise widersprüchlich. Während einige Untersuchungen behaupteten, keine relevanten gesundheitlichen Effekte nachweisen zu können, sahen andere deutliche Hinweise auf Zusammenhänge mit Schlafstörungen, chronischem Stress und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Die wissenschaftlichen Debatten kamen kaum auf einen Nenner. Dennoch führte die Unsicherheit zu strengeren Abstandsvorschriften. Mehrere Kantone richteten Entschädigungsfonds für Anwohner ein. Zahlreiche Gerichtsverfahren beschäftigen sich mit der Frage, ob Betreiber und Behörden Risiken unterschätzt oder unzureichend abgeklärt hatten.
Auch wirtschaftlich fällt die Bilanz differenzierter aus als erwartet.
Befürworter verweisen darauf, dass die Windkraft während Jahrzehnten einen Beitrag zur Stromversorgung geleistet und insbesondere in den Wintermonaten zusätzliche Produktionskapazitäten bereitgestellt hätten.
Kritiker halten dagegen, dass viele Projekte ohne staatliche Förderprogramme, garantierte Einspeisevergütungen und verschiedene indirekte Unterstützungsleistungen niemals realisiert worden wären. Die Kosten für Rückbau, Entsorgung, Netzausbau und Ausgleichsmassnahmen seien in den ursprünglichen Wirtschaftlichkeitsberechnungen zu optimistisch bewertet worden.
Die eigentliche Überraschung des Jahres 2052 ist jedoch eine andere.
Kaum jemand streitet noch über die damaligen Klimamodelle. Bereits Mitte der 2020er-Jahre mehrten sich die Stimmen vereinzelte Wissenschaftler, welche darauf hinwiesen, dass einige der ursprünglich verwendeten Hoch-Emissionsszenarien zunehmend als unrealistisch betrachtet würden. Dennoch hielten Politik, Behörden und grosse Teile der Öffentlichkeit an den beschlossenen Klimazielen fest, bis das Volk realisiert hatte, dass dadurch nicht nur ein Angriff auf die Wirtschaft, sondern auch auf die Umwelt vorangetrieben wurde. Ab diesem Punkt drehten sich die grossen politischen Auseinandersetzungen nur noch um Verantwortung:
- Weshalb wurden bei der Planung fast ausschliesslich die erwarteten Vorteile diskutiert, während langfristige Risiken häufig als beherrschbar oder vernachlässigbar eingestuft wurden?
- Weshalb galt die Beeinträchtigung von Landschaften, Wäldern und Lebensräumen als akzeptabler Preis des Fortschritts, während über Rückbau, Entsorgung und mögliche Langzeitfolgen weit weniger gesprochen wurde?
- Und weshalb wurden Kritiker oft erst dann ernst genommen, als die ersten Probleme nicht mehr theoretisch, sondern sichtbar geworden waren?
Luise entdeckt in einiger Entfernung eine Schulklasse, die sich vor einer Informationstafel versammelt, um mehr über die Energiepolitik der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts zu erfahren. Sie erinnert sich an den Satz, der dort steht und von einem unbekannten Autor stammen soll:
„Technische Probleme lassen sich meist lösen. Schwieriger wird es, wenn eine Gesellschaft aufhört, die richtigen Fragen zu stellen.“
Luise erinnert sich an die Jahre nach 2020. Sie war damals noch sehr jung, hatte aber trotzdem wahrgenommen, dass kritische Fragen zunehmend als störend empfunden wurden. Viele Debatten drehten sich nicht mehr darum, ob eine Frage berechtigt war, sondern darum, wer sie stellte. Erst Jahre später begann eine breitere Diskussion darüber, wie wichtig offene Debatten für politische Entscheidungen tatsächlich sind.
Dokumentation – Windkraft im Rafzerfeld
- Antwort des Gemeinderates Hüntwangen auf Anfrage gem §17 Gemeindegesetz
- Anfrage gemäss §17 Gemeindegesetz „Auskunft zur geplanten Windkraftanlage an unserer Gemeindegrenze“
- Schreiben an Gemeinderat Wasterkingen „Besorgnis und Fragen zur geplanten Windkraftanlage“













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